Ich besuchte vor einiger Zeit eine Familie, die ich schon lange nicht mehr gesehen hatte und freute mich auf das Gespräch. Doch bei meiner Ankunft war eine Hektik ausgebrochen, die Mutter sorgte für dies und jenes; leider hatte sie vor lauter Sorge um meine Bewirtung kaum Zeit, in Ruhe mit mir zu plaudern.
Pater Dr. Bernhard Anton Sirch OSB
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Vielleicht ist es Jesus bei seinem Besuch bei Maria und Marta ähnlich ergangen. Jesus wollte in aller Ruhe ein nettes Gespräch. Anstelle des Gespräches Hektik und sogar Aufregung und Streit: "Jesus kam in ein Dorf, und eine Frau namens Marta nahm ihn freundlich auf. Sie hatte eine Schwester, die Maria hieß. Maria setzte sich dem Herrn zu Füßen und hörte seinen Worten zu. Marta aber war ganz davon in Anspruch genommen, für ihn zu sorgen. Sie kam zu ihm und sagte: Herr, kümmert es dich nicht, dass meine Schwester die ganze Arbeit mir allein überlässt! Sag ihr doch, sie soll mir helfen: Der Herr antwortete: Marta, Marta, du machst dir viele Sorgen und Mühe. Aber nur eines ist notwendig. Maria hat das Bessere gewählt, das soll ihr nicht genommen werden" (Lk 10, 38-42).
Bei dieser Textstelle denke ich an die vielen Hausfrauen, die von früh bis spät für alles sorgen müssen und in ihrem Innersten auch die Klage haben: "Herr, kümmert es dich nicht, dass meine Schwester die ganze Arbeit mir allein überlässt!" und dann noch zur Antwort erhält: "Marta, Marta, du machst dir viele Sorgen und Mühe. Aber nur eines ist notwendig". Man empfindet diese Antwort Jesu vielleicht als hart. Wir müssen uns aber bei aller Geschäftigkeit, die uns unentwegt treibt, von Jesus sagen lassen: "Marta, Marta, du machst dir viele Sorgen und Mühe. Aber nur eines ist notwendig".
Doch wenden wir uns zuerst Maria zu: Wir können uns fragen: Haben wir noch Zeit, dass wir uns wie Maria "dem Herrn zu Füßen setzen und seinen Worten zuhören" (Lk 10,39) können? Wenn wir zum Gottesdienst kommen, soll auch eine Zeit der Ruhe sein. Der Mensch braucht eine Zeit der Besinnung, eine Zeit, in der er völlig abschalten kann. Wir gönnen oft uns selber nicht das Wertvollste, das wir haben: die Zeit. Erst wenn wir uns niedersetzen können und das Wohlige der inneren Ruhe verspüren können, sind wir auch bereit zuzuhören, vor allem wenn es Worte sind, "die Geist und Leben sind" (Joh 6,63), "Worte des ewigen Lebens" (Joh 6, 68). So beten wir im heutigen Kommunionvers: "So spricht der Herr: Ich stehe an der Tür und klopfe. Wenn einer meine Stimme hört und die Tür öffnet, werde ich bei ihm eintreten und mit ihm Mahl halten, und er mit mir" (Offb 3, 20). Jesus spricht seine Worte nicht im Lärm unserer äußeren und inneren Unruhe und Umtriebe, sondern in die Stille, in die verborgene Kammer unseres, ja meines Herzens. Diese Stille des Herzens, das Atmen der Seele, ist nicht nur das Fehlen von Lärm; erst durch Übung können wir durch den Lärm die Stimme Gottes hören, dann empfinden wir auch in der größten Unruhe, was uns mit einer anderen Welt verbindet.
Unabhängig von der Geschäftigkeit um uns, ja inmitten der Geschäftigkeit müssen wir uns wie Maria Zeit nehmen für uns, Zeit nehmen für den Nächsten und Zeit nehmen für Gott. Lassen sie Ruhe in ihr Herz eintreten und klicken sie sich von den Zeitumständen mit all ihren Nöten aus, um einfach bei Gott zu sein. Um ihnen einen Weg zu diesem Ziel aufzuzeigen möchte ich ein Büchlein schreiben: "Einfach bei Gott sein in freudigen und schweren Zeiten durch das immerwährende Gebet" (zu "immerwährendes Gebet": siehe meine Homepage). Jesus will in unsere Herzen eintreten, er "steht an unserer Tür und klopft an" (Offb 3, 20), dass er in die verborgene Türe unseres Herzens eintreten kann. Sagen sie doch Jesus: Ich bitte dich: tritt ein. Nur Jesus kann Raum schaffen in unserem Herzen, dass wir auch wieder in die Mitte unseres Herzens zurückkehren wollen und können. Wenn sie sich Zeit nehmen: Einfach bei Gott zu sein, dann können sie manche Schwierigkeiten, an denen sie zu zerbrechen drohen, überstehen.
Ein Weg zur Gottesbegegnung führt über das eigene Ich, über die vielleicht verborgene Kammer ihres Herzens, wo das Ebenbild Gottes (Gen 1. 27: "Gott schuf also den Menschen als sein Abbild; als Abbild Gottes schuf er ihn") seinen Platz hat. Der absolut notwendige erste Schritt ist die Reinigung der Seele durch eine sakramentale Beichte. Von Papst Pius XII. erzählte mir sein Beichtvater, P. Hiemer SJ, dass dieser Papst täglich gebeichtet hat. Er wollte die Reinheit der Seele, was Voraussetzung ist: ein christliches Leben zu führen, so dass das Ebenbild Gottes aufleuchten kann. Im Hinabtauchen auf den Grund des Ichs, der Seele, kann man den Reichtum Gottes erspüren und vor allem die Verankerung mit Gott. Diese Verankerung mit Gott, die bei Menschen bisweilen unterbrochen ist, ist der Grund von vielem Bösen.
Für dieses Hinabtauchen in das eigene Ich, darf ich einen Vergleich bringen: das Meer kann aufgewühlt sein, so dass 10 bis 15 Meter hohe Wellen entstehen. Je tiefer man aber in das Meer hinabkommt, umso ruhiger wird es, selbst wenn es an der Oberfläche stürmt und ein großes, furcherregendes Unwetter herrscht. Den Reichtum und die Verankerung in Gott finden wir auf dem Grund unserer Seele, zu dem wir vorstoßen müssen wie die Ölbohrer auf hoher See, die unergründliche Schätze bergen.
Unerläßlich für eine Gottesbegegnung ist auch das Eintauchen in die Heilige Schrift. Jesus will durch seine Worte in uns Leben schaffen, Leben bringen, den Glanz des ewigen Lebens in unseren Herzen auftun. Immer wieder kehren wir zu einer Geschäftigkeit zurück, so dass uns der Vorwurf Jesu trifft: "du machst dir viele Sorgen und Mühe. Aber nur eines ist notwendig. Maria hat das Bessere gewählt, das soll ihr nicht genommen werden" (Lk 10, 41-42).
Schauen wir, was noch Voraussetzung für eine Gottesbegegnung ist. Aus dem Johannesevangelium erfahren wir, wie Jesus noch nicht in das Dorf gekommen war: "Als Maria dorthin kam, wo Jesus war, und ihn sah, fiel sie ihm zu Füßen (Joh 11, 32). Diese Gesinnung der Anbetung Gottes und das absolute Vertrauen: "Jesus, ich vertraue auf dich" sind Voraussetzung einer Begegnung mit Gott.
Man darf bei der Textstelle des heutigen Evangeliums nicht den Nachdruck auf "das Bessere" legen. Im griechischen Urtext heißt es: thn agathn merida = den guten Teil (so in der Kürzinger-Übersetzung). Es wird also die Nächstenliebe nicht gegen die Gottesliebe ausgespielt, noch das aktive Engagement gegen die Kontemplation. Man muß aber klar sehen, dass Jesus das Tun der Maria ausdrücklich lobt. "Dem Herrn sich zu Füßen setzen und seinen Worten zuhören" (Lk 10,39) ist Voraussetzung für eine Begegnung mit Gott.
In diesem Verweilen erneuert sich unser Herz und wir sehen unser Leben neu und erwägen, was wichtig war oder was nur wichtig schien. Wir müssen uns fragen, ob wir im Alltag auf Gott hinhören können, so dass er unser Leben bestimmt? Wie stehen wir vor Gott, vor uns selber, wenn alles, was wir geschaffen haben, durch ein Unglück, durch eine Katastrophe, plötzlich vernichtet wird und nichts mehr da ist? Was bleibt von unserem „Werk“. Wie oft stehen Menschen vor den Scherben des eigenen Glücks, der selbst geschaffenen "Karriere"!
Jesus zeigt Marta und wohl auch uns, dass wir den richtigen Augenblick erkennen. Das muss Marta lernen; man darf das Verhalten Martas nicht generell verurteilen. Es gibt sehr wohl Situationen, in denen eine aktive Gastfreundschaft gefordert ist, wie wir in der ersten Lesung sehen: Abraham sorgt sich, wie Marta im Evangelium, um seine drei Gäste.
In der Betrachtung zum Evangelium des letzten Sonntags wurde deutlich: Die Gottesliebe kann von der Nächstenliebe nicht getrennt werden. Jede Verletzung der Nächstenliebe ist eine Verletzung der Gottesliebe. Die Verknüpfung von Nächstenliebe und Gottesliebe wird auch deutlich in der 1. Lesung: Abraham begegnet - durch seine Gastfreundschaft den drei Fremden gegenüber - dem lebendigen Gott. Es ereignet sich das Unglaubliche: Gott, der um die Gastfreundschaft Abrahams weiß, kommt zu Abraham, der dadurch Gott begegnen darf. Der Hebräerbrief 13,2 macht eigens darauf aufmerksam: "Vergesst die Gastfreundschaft nicht; denn durch sie haben einige, ohne es zu ahnen, Engel beherbergt". Die drei Gäste Abrahams kommen nicht in „Gottesgestalt“, sondern ganz einfach als Mensch, als einer, der unsere Hilfe braucht. So einfach kann ich Gott begegnen! Jesus drückt es so aus: „Was ihr für einen meiner geringsten Brüder getan habt, das habt ihr mir getan“ (Mt 25, 40). Öffnen wir unser Herz unseren Blick, dass wir im "Nächsten" Gott erkennen!
Wir sind aufgerufen das, was wir mit Herzen erfasst haben, in die Tat umzusetzen und auch diese frohe Botschaft den Menschen zu sagen, wie wir es von Paulus in der 2. Lesung hören: "Ich diene der Kirche durch das Amt, das Gott mir übertragen hat, damit ich euch das Wort Gottes in seiner Fülle verkündige, jenes Geheimnis, das seit ewigen Zeiten und Generationen verborgen war. Jetzt wurde es seinen Heiligen offenbart: Gott wollte ihnen zeigen, wie reich und herrlich dieses Geheimnis unter den Völkern ist: Christus ist unter euch, er ist die Hoffnung auf Herrlichkeit. Ihn verkünden wir; wir ermahnen jeden Menschen und belehren jeden mit aller Weisheit, um dadurch alle in der Gemeinschaft mit Christus vollkommen zu machen" (Kol 1, 24-28).
Besonders der Priester muss sein Amt, das ihm Gott übertragen hat, ausfüllen und von aller Geschäftigkeit reinigen. Wenn der Herr in seiner Herrlichkeit kommt, wird er uns sagen: "Ich war hungrig, und ihr habt mir nichts zu essen gegeben; ich war durstig, und ihr habt mir nichts zu trinken gegeben; ich war fremd und obdachlos, und ihr habt mich nicht aufgenommen..." (Mt, 25, 42 ff). Das heutige Evangelium will uns sicherlich nicht zur Untätigkeit anleiten, sondern will uns aufrütteln: "Was nützt es einem Menschen, wenn er die ganze Welt gewinnt, dabei aber sein Leben einbüßt" (Mt 16,26)?
Am Ende dieser Betrachtung wünsche ich Ihnen, dass sie Gott begegnen und bei ihm sein können, auf einem der aufgezeigten Wege: Gott steht an ihrer Tür und klopft an.
Dr.P.Bernhard Anton Sirch, Klösterle, A-6215 Hinterriß 5, Tel. 0(043)5245/28920