Ein ehemaliger Häftling berichtet vom Alptraum seines Lebens
Fast jede Woche wird der Spanier Joaquin José Martínez irgendwo in Europa eingeladen, seine Geschichte zu erzälen. Eine Geschichte, die zwar schon zehn Jahre in der Vergangenheit liegt, die ihm aber immer noch die Stimme raubt, wenn er sie vor Publikum erzählt: Joaquin José Martínez war Todeskandidat in Florida. Unschuldig in den Fängen der amerikanischen Justiz.
Joaquin José Martinez auf dem ÖKT
Bild: dio
1996 hat sich der damals 24jährige seinen Traum vom „american way of life“ erfüllt: er lebt in Florida, hat eine Frau, zwei Kinder, besitzt ein Haus und eine eigene Firma. Doch dann scheitert die Ehe und seine Frau beschließt sich zu rächen. Als ein Polizistenmord Schlagzeilen macht, zeigt sie ihren Ex-Mann kurzerhand an und behauptet, er sei der Täter gewesen.
Filmreife Verfolgungsjagt Martínez hat gerade seine Kinder für das Wochenende abgeholt, da wird er an einer Kreuzung von einer filmreifen Armada von 30 Streifenwagen umstellt, aus dem Auto gezerrt und verhaftet. Noch glaubt er an ein Missverständnis. Doch obwohl es keine Beweise gibt, außer der Aussage seiner Ex-Frau, und trotz negativer DNS-Tests wird er der Mittäterschaft beschuldigt, angeklagt und wenig später zum Tode verurteilt.
Jeden Mittwoch: Test des elektrischen Stuhls 1996 gibt es in Florida nur eine Hinrichtungsmethode: den elektrischen Stuhl. Im Todestrakt herrscht subtiler Psychoterror. Jeden Mittwochmorgen wird der Stuhl getestet. Die enorme elektrische Energie, die dazu benötigt wird, lässt die Glühlampen im Todestrakt erlöschen, die sonst rund um die Uhr leuchten. Sie erlöschen auch, wenn einer von den Todeskandidaten seinen letzten Gang angetreten hat. Dann wissen die Mithäftlinge, dass es soweit ist. Martinez hat heute keine Glühlampen im Haus. Das Trauma sitzt zu tief. Auch die Farbe orange kann er nicht mehr sehen, sie erinnert ihn an die Häftlingskleidung.
13 Jahre ohne soziale Kontakte Am schlimmsten aber sind die Isolation und das jahrelange Warten. Manche Mithäftlinge sitzen schon seit 15, 20 Jahren in den Todeszellen, verlassen von der eigenen Familie, ohne soziale Kontakte nach außen. Und das, obwohl nicht wenige wie Martínez unschuldig einsitzen. Frank war so einer, dessen Vermächtnis Martínez seinen Zuhörern erzählt. Frank, der 13 Jahren im Todestrakt auf seine Hinrichtung wartete, ehe er schließlich an Krebs erkrankte und auf die Krankenstation verlegt wurde. Dort wurde der Todkranke, der längst keine Kraft mehr für eine Flucht hatte, immer noch wie ein Monster mit Händen und Füßen an das Bett gekettet. Auf seinem Sterbebett beteuerte John seine Unschuld und bat, wenigstens nach seinem Tod einen DNS-Test durchzuführen, der ihm vorher verwehrt worden war. Dieser Test wurde durchgeführt. Und Frank war unschuldig.
Johannes Paul II interveniert Martínez hatte Glück im Unglück. Als erstem Spanier, der in den USA zum Tode verurteilt worden war, wurde ihm eine gewisse Aufmerksamkeit zu Teil. Die Gemeinschaft Sant’Egidio, die sich in vielen Projekten sehr für die Abschaffung der Todesstrafe stark macht und Brieffreundschaften mit Todeskandidaten pflegt, setzte auf politischer Ebene alle Hebel in Bewegung. Sogar Papst Johannes Paul II und der spanische König intervenierten und nach fünf Jahren bekam Martínez seine zweite Chance. Das Gerichtsverfahren wurde neu aufgerollt, die Ex-Frau sagte nicht mehr gegen ihn aus und am Ende öffneten sich für Martínez die Gefängnistore.
Verlust des Vaters Zwei Jahre später wird Martinez‘ Vater von einem 17-jährigen Motorradfahrer überfahren und tödlich verletzt. „Sie können diesen 17-Jährigen 100-mal hinrichten, es würde nichts von dem Schmerz nehmen, den ich um meinen Vater empfinde.“ Für Martínez der Beweis, dass die Todesstrafe keine Gerechtigkeit schaffen kann, auch dann nicht, wenn der Todeskandidat zu Recht verurteilt wurde. Am meisten aber prangert er die amerikanische Justiz an, die so fahrlässig mit dem Leben von Unschuldigen spielt, um schnelle Erfolge zu haben. Die Zuhörer schockiert er mit der Aussage: „Jeder USA-Tourist ist ein potentieller Todeskandidat“.
Heute ist Martinez neu verheiratet, lebt in Spanien und hat wieder seine eigene Firma. Er hat gelernt, das Trauma durch seine Vortragsreisen zu überwinden. Und er möchte die Gemeinschaft Sant’Egidio bei ihrem Kampf für die Ächtung der Todesstrafe unterstützen. / wtz
Homepage von J. J. Martínez: Link
Brieffreundschaften mit Todeskandidaten vermittelt: http://santegidio.de/index.php?pageID=27&idLng=1067&res=1