Der Papst, die Medien und der Müll – ein Kommentar
Ob es wohl dieses Fallbeil war, das Joseph Ratzinger auf sich zurasen sah, als seine Kardinalsbrüder ihn zum Oberhaupt der Kirche wählten? Es ist noch gar nicht so lange her, da zog er begleitet von Hosanna-Rufen und „Wir-sind-Papst“-Buttons in seine Heimat ein. Heute würde ihm wohl der Ruf „kreuziget ihn“ entgegenschallen. Ein modernes Passionsspiel, aufgeführt auf der Hinrichtungsstätte des Massenjournalismus. Zugegeben, Sex & Crime gewürzt mit Heiligkeit und Fall sind ein allzu veführerisches Sujet, dem selbst renommierte Zeitungen nicht widerstehen konnten.
Wegkreuz in der Fränkischen Schweiz
Bild: dio
Watsche wird Faustschlag Eine Art Wettbewerb begann, bei dem es darum geht, möglichst viele und immer neue Missbrauchsfälle aufzudecken. Dabei zerrt man selbst solche Fälle ans Tageslicht, die bereits fünfzig, sechzig Jahre in der Vergangenheit liegen, ja selbst solche, die seinerzeit ordentlich vor Gericht geahndet wurden. Vom sexuellen Missbrauch driftete die Schlammschlacht schließlich ab ins Diffuse. Anekdoten aus Internaten über schlüsselbundwerfende Pädagogen werden zu Missbrauchsfällen aufgeblasen, die Watsche avanciert zum „Faustschlag ins Gesicht“. Im Schutz des medialen Sperrfeuers wagen sich jetzt auch alle diejenigen aus der Deckung, die ohnehin schon immer ihr Mütchen an der Führung der Kirche kühlen wollten. Auf die Würde des Petrussamts wird längst keine Rücksicht mehr genommen, aber auch die Opfer, um die es ja eigentlich gehen sollte, sind längst nur Kanonenfutter investigativer Berichterstattung geworden.
CIC ist keine Scharia Die mediale Inszenierung dieses Passionsspiels 2010 will ihr Opfer. Manche Pressebeiträge erwecken den Anschein, als sei man geradezu enttäuscht, dass der Codex Iuris Canonici gar keine Scharia ist, der öffentliche Auspeitschungen von Kinderschändern vorsieht. Und wenn es der Papst nicht selbst ist, der zurücktritt, so will man zumindest die Köpfe von Bischöfen rollen sehen, oder die Abschaffung des Zölibats oder, oder, oder. Tatsächlich erhält man nur einen Hirtenbrief an die Iren. Entsprechend moniert beispielsweise der Romkorrespondent des Deutschlandradios am Gründonnerstag: „die katholische Basis in Deutschland erwartet etwas anderes“. Richtig, aber nicht das, was der Korrespondent meint: die katholische Basis möchte, dass endlich wieder Ruhe einkehrt.
Aufgabe der Kirche ist die Versöhnung Nein, es soll nicht dem Vertuschen oder Wegsehen das Wort geredet werden. Fehler sind gemacht und eingestanden worden. Aber die Aufarbeitung des Missbrauchs von Minderjährigen wird nicht vor den Augen der Öffentlichkeit gelingen. In der Kirche sind Opfer und Täter zu Hause. Jeder von uns ist im Großen und Kleinen Opfer und Täter für irgendetwas, das uns im Leben widerfahren ist. Es wäre fatal, die Täter des Missbrauchsskandals medienwirksam aus der Kirche zu verstoßen. Die Aufgabe der Kirche ist es, Opfer und Täter wieder miteinander zu versöhnen. Es geht immer um konkrete Menschen, und alles muss aus dem Blickwinkel der Barmherzigkeit betrachtet werden. Dazu gehört auch, dass die Kirche Täten gegenüber Gnade erweist, wenn sie ihre Schuld eingestanden haben, unabhängig von der Meinung des Volkes. Die Kirche ruft gerade nicht: „kreuziget ihn“.
Hoffen wir auf das Evangelium: am dritten Tag nach der Kreuzigung folgt die Auferstehung. Auch die Kirche wird es im Vertrauen auf ihren Herrn Jesus Christus gelingen, diese Krise zu meistern – ohne die Medien. / dw