Deutschlands erstes Spendenportal einer Kirchengemeinde im Internet seit heute offiziell online
Stefan Krönung ist Pfarrer an St. Joseph im einstigen Kasseler Arbeiterviertel in Rothenditmold. Arbeitslosigkeit und ein hoher Ausländeranteil prägen heute die Situation. Die rund 1400 Katholiken sind in der Minderheit, und überaltert. Die Kirche ist fast immer leer. Krönung setzt der Hoffnungslosigkeit Mut, Kreativität und persönliches Engagement entgegen. Jetzt hat er deutschlandweit das erste Spendenportal einer Kirchengemeinde im Internet eröffnet. Der Bettelpfarrer bettelt ab sofort auf Link online.

Bettelpfarrer Stefan Krönung (Kassel)
Bild: Krö/ We
Die kath. Pfarrei St. Joseph im Kasseler Norden, in Rothenditmold, ist eine alte Pfarrei. Seit 100 Jahren steht die Pfarrkirche im einstigen Arbeiterviertel auf dem Rothenberg. Die Zeiten, in denen die katholischen Arbeiter sich hier ansiedelten, um für Henschel und den Lokomotivenbau zu arbeiten, sind vorbei. Das Viertel ist zum Problemstadtteil geworden: Menschen aus 55 Nationen leben heute hier. Die Arbeitslosenrate liegt konstant nahe 30 Prozent. Armut, Arbeitslosigkeit und Perspektivlosigkeit prägen den Alltag vieler Katholiken, Protestanten, Orthodoxen, Muslime und Atheisten.
Die Kirche ist leer
Und mittendrin, umgeben von viel Grün, stehen das 100-jährige Gotteshaus, das Pfarr- und das Gemeindehaus. Meistens ist sie leer, die Kirche. Das macht sich auch im Klingelbeutel bemerkbar. Die Gottesdienstbesucher sind oft alt, die Kirche gehört noch ganz selbstverständlich zu ihrem Leben, das ansonsten außen vor bleibt. Die Jungen kommen nicht mit ihren Sorgen, Ängsten und Nöten. Manche, weil ihnen der eigene Glaube nicht wichtig ist. Die Meisten, weil sie mit Gott und Kirche wenig oder gar nichts am Hut haben. Kirche, Gemeinde- und Pfarrhaus stehen einsam auf einer grünen Insel im Großstadtdschungel.
So ist das halt im dritten Jahrtausend: Kirche, katholisch noch dazu, ist out. Das sieht Stefan Krönung anders. Seit drei Jahren ist der 44-jährige Fuldaer katholischer Pfarrer an St. Joseph. Vielleicht der letzte, bevor die Kirchentüren auf dem Rothenberg für immer schließen. Aber davon will er nichts wissen.
Die Kirche ist voll
„Das ist heute unsere Chance“, seufzt Krönung am Rande eines Benefiz-Konzertes, das er im Januar 2010 zugunsten der Erdbebenopfer in Haiti organisiert hat. Aus dem Stand, in nur fünf Tagen. 350 Menschen, soviele wie schon lange nicht mehr, lauschen am Sonntagmittag der Musik in St. Joseph. Sie sind tatsächlich gekommen. Die Orgel intoniert, ein siebenjähriger Steppke, Gewinner bei Jugend musiziert, spielt einen Walzer auf seiner Geige, der Kirchenchor singt, Studenten der Musikakademie treten auf. Und Natalie Ehrlich: In St. Joseph getauft und getraut, freut sich die 24-Jährige über das rege Interesse der Medien an ihrem Auftritt. Eine Fernsehkamera und der Zeitungsfotograf berichten über sie, die es einen Tag zuvor unter die erstplatzierten 60 Teilnehmer bei „Deutschland sucht den Superstar“, einer Fernsehcastingshow, geschafft hatte. Sie träumt von der großen Weltkarriere, aber hier engagiert sie sich in ihrer Kirche aus Überzeugung für die Notleidenden Erdbebenopfer. Mit Erfolg. Fernsehen und Lokalzeitung berichten – über Natalie Ehrlich und über das Konzert in St. Joseph. Das Spontankonzert bringt am Ende über 3000 Euro an Spendengeldern. Die Armen spendeten für die Ärmsten der Armen.
"Jesus ging auch an keiner Not vorüber"
“Vielleicht ist sowas unsere einzige Chance“, sinniert Krönung. Seit er vor drei Jahren aus Oberhessen in die nordhessische Metropole Kassel gekommen ist, hat er sich immer mehr zu dem entwickelt, als das er sich heute selbst bezeichnet: als Bettelpfarrer. Für Stefan Krönung endet die Seelsorge nicht bei Gebet, guten Worten und Gottesdienst. Krönung ist aktiv, handfest. „Jesus ging auch an keiner Not vorüber“, sagt er. Schon früher hat er sich engagiert, ist Auslandsdienstleiter der Malteser und war schon mehrfach mit Hilfsgütern in Bosnien im Einsatz. Heute bettelt er für die Menschen in seiner Gemeinde und für die Menschen in seinem Stadtteil, egal welcher Konfession, Religion oder Nation sie angehören.
Motiv Mitmenschlichkeit
Für dieses Engagement hat Krönung eine einfache wie passende Losung gefunden: Kirche MitMenschen. Mit Menschen ist er aktiv für Mitmenschen. „Selbst das ist hier ungleich schwieriger“, sagt er, „in meiner vorherigen Gemeinde kannte ich 30 bis 40 ehrenamtlich Aktive. Auf die konnte ich mich verlassen. Immer. Hier habe ich, wenn es hoch kommt, zehn oder zwölf treue Helfer“. Auch eine ältere Rollstuhlfahrerin, selber auf Unterstützung angewiesen, zählt dazu. „Ihre Begabung ist, dass sie mir von ihrem Computer aus im Internet und mit eMails beim Betteln hilft“, sagt der Pfarrer.
Online-Freunde finden
Stefan Krönung ist erfinderisch. Jetzt hat er auch ein eigenes Spendenportal im Internet eingerichtet. Neudeutsch nennen Profis das ein „Engagement-Portal“. Egal. So etwas gibt es in ganz Deutschland bisher nicht, von keiner Pfarrgemeinde. „Wir finden so deutschland- und weltweit neue Gemeindemitglieder“, kommentiert der Mann Gottes das neueste Projekt. Klar, der katholische Piester sammelt hier natürlich auch Geld. Nicht für sich: Für seine Mitmenschen im Stadtteil, für Kinder in Manila, für die dringend renovierungsbedürftige 50 Jahre alte Orgel. Und er sucht über das Portal Menschen: Helfer und Unterstützer, die Lust und Zeit haben etwas zu tun, konkret, ständig oder auf ein Projekt beschränkt. „Jeder kann sofort und einfach selber loslegen“, ruft Stefan Krönung zur Hilfe auf. „Starten Sie eine ganz persönliche Spenden-Sammel-Aktion für Sankt Joseph oder Ihre soziale Arbeit“. Auch dazu hat der Pfarrer Ideen im Kopf: „Zum Beispiel radelt jemand quer durch die Republik und bittet Freunde, Verwandte und Bekannte, ihn für jeden gefahrenen Kilometer mit Geldspenden zu unterstützen, die dann dem Kindergarten zu Gute kommen und damit der Kreis der Freunde von St. Joseph wächst.
Ideen, Ideen, Ideen
Zuhause in Rothenditmold ist der Bettelpfarrer derweil weiterhin vielfältig selber aktiv, mit und ohne Geld: In der Kirche, unter der Orgelempore, steht inzwischen eine Couchgarnitur. Hier bietet er Gespräche an, ist ganz Ohr für die Probleme der Menschen oder einfach nur mal zum „Schnuddeln“ da. Mit Mittagstisch und Kleiderkammer unterstützt der Bettelpfarrer Menschen, die sich selber nicht mehr helfen können. Mit Sitz und Stimme engagiert Krönung sich im „Stadteilgremium Rothenditmold und Familiennetzwerk“ außerdem politisch. „Um die Verhältnisse zu ändern“, sagt er. Wichtig ist ihm die pfarreigene Kindertagesstätte, „damit die Kinder eine Chance auf ein besseres Leben haben“.
Im Garten neben dem Pfarrhaus hat er das Teamtrainingsgelände Rothenberg aufgebaut. Ein freiwilliger Trainer kümmert sich hier um straffällig gewordene Jugendliche. Das bringt etwas Geld in die Kasse. Den rückwärtigen Kirchturm plant er als Kletterwand nutzbar zu machen.