Ohne Strategie des kontrollierten Scheiterns wird der Zölibat nicht zu halten sein
Die Kette von Missbrauchsfällen in der katholischen Kirche reißt nach den Enthüllungen aus dem Berliner Canisius Kolleg nicht ab. Doch die Zeit des Großreinemachens hat wohl erst begonnen. Ein Kommentar.
Pädophiler vergreift sich an einem Knaben. Darstellung auf einer antiken Vase
Bild: internet/dio
Im ältesten bekannten Katechismus, der allen Taufbewerbern im ersten christlichen Jahrhundert vorgelesen wurde, ist von zwei Wegen die Rede: der eine führt zum Leben, der andere zum Tod. Die Didaché, wie der frühchristliche Text heißt, benennt auch die Vergehen, die zum Tod führen: „Du sollst nicht töten, du sollst nicht ehebrechen, du sollst nicht Knaben schänden“, so beginnt der Sündenkatalog, und er hat an Aktualität bis heute nichts verloren.
Das „Schänden von Knaben“ ist eine Perversion, die in unseren Tagen ausgerechnet katholische Geistliche unter Generalverdacht stellt. Als Ursache wird vorschnell der Zölibat genannt, jene Lebensform, die der modernen Gesellschaft pathologisch fremd erscheint, obwohl sie mit Pädophilie nichts zu tun hat. Schließlich vergehen sich auch Familienväter an ihren Kindern und Ermittlungen wegen Kinderpornographie führen zu Hausdurchsuchungen in den besten Kreisen.
Antikes Ideal kultischer Reinheit Andererseits lässt sich schwer leugnen, dass der Verzicht auf Sexualität für viele Geistliche auf dem Weg ihrer Berufung ein Stolperstein darstellt und die eigentliche Bedeutung der zölibatären Lebensform ins Gegenteil verkehrt.
Es war die moralisch intergere Lebensführung, mit der sich die frühen Christen von der verkommenen Welt abzugrenzen wussten. Besonders von den Priestern der Gemeinschaft, jenen die das eucharistische Opfer feierten und damit eine vergleichbare Stellung wie die Hohenpriester im Jerusalemer Tempel einnahmen, wurde die Einhaltung kultischer Reinheit verlangt. Das bedeutet in antiker Tradition den Verzicht auf gelebte Sexualität. Daran hat sich bis heute nichts geändert.
Zwar wurde in der Didaché gelehrt, dass nur solche Männer zu Bischöfen geweiht werden dürfen, die sich bereits als Familienväter bewährt hatten, dass es also zu Beginn keinen Ehelosigkeitszölibat gab, aber es gilt als wahrscheinlich, dass schon zur Zeit der Apostel Männer mit ihrer Weihe zu Keuchscheit in der Ehe verpflichtet waren, wie es dann später, um 300 n. Chr., auf der Synode von Elvira unter Papst Marcellinus fixiert wurde.
Ausschluss der Öffentlichkeit Diese Messlatte zur Vollkommenheit ist hoch, das Joch der Enthaltsamkeit schwer und seit jeher war nicht jedem die Gnade verliehen, seine sexuellen Regungen komplett für das höhere Ideal zu sublimieren. Ein Scheitern am Keuschheitsgebot muss nicht immer die Vergewaltigung Minderjähriger nach sich ziehen, muss sich nicht in abnormalen Sexualpraktiken äußern. Es schließt auch die unzähligen unehelichen Beziehungen von Klerikern ein, die in aller Heimlichkeit geführt werden, und auch sogenannte „Priesterkinder“, für die die Kirche eigentlich mehr Verantwortung trägt, als nur die Zahlung von Alimenten.
Jahrhunderte lang war es der Kirche aber möglich, aus ihrer autoritären Stellung heraus auch schwerwiegende Verfehlungen ihrer Priester „in der Familie“ unter Ausschluss der Öffentlichkeit zu lösen. Erst heute, wo im Geiste des zweiten Vatikanums und unter dem unerbittlichen Druck der medialen Öffentlichkeit ein Zudecken der Sünden unter einem Mantel des Schweigens nicht mehr möglich ist, beginnt ein Umdenken. Nicht zuletzt der deutlichen Intervention von Papst Benedikt XVI zu den Missbrauchfällen in den U.S.A, in Australien und Irland, ist es zu verdanken, dass die Diözesen und Orden mehr Offenheit wagen, ohne sich den Vorwurf der Netzbeschmutzung einhandeln zu müssen. Es scheint eine große Zeit der Katharsis gekommen zu sein.
Erweiterung des Forum Internum Doch das kirchliche Forum Internum, das nach außen hin den Verdacht auf vorsätzlicher Vertuschung nährt, hat durchaus auch positive Seiten. Denn der Gang an die Öffentlichkeit, die mediale Hinrichtung der Täter und die Bloßstellung der Opfer kann nicht Ziel christlicher Ethik sein. Aber es ist nahe liegend, dass es für kirchliche Entscheidungsträger häufig auch bequemer war, gerade die Fälle aus den eigenen Reihen unter den Teppich zu kehren und die Opfer zu ignorieren oder zum Schweigen zu verpflichten. Eine Krähe hackt der anderen bekanntlich ungern ein Auge aus. Auch mahlen die Mühlen der kirchlichen Justiz langsam und bürokratisch und stellen Opfer auf eine unerträgliche Geduldsprobe. Deshalb muss dieses Forum Internum erweitert werden um Ombudspersonen, die nicht zum Kreis des Klerus gehören und damit eine vertrauenswürdige Anlaufstelle eröffnen.
Außerdem muss die Kirche einen souveränen und offensiven Umgang mit dem Scheitern ihrer Amtsträger am Zölibat finden, wenn der Zölibat als solcher erhalten werden soll. Sie muss ins Kalkül ziehen, dass dieses Ringen um die kultische Reinheit eben auch in einer persönlichen Niederlage für den Geistlichen enden kann und dass die Thematisierung dieser Niederlage kein Tabu sein darf, das allenfalls in der Verschwiegenheit einer Beichte ihren Platz finden dürfe. Es muss ein Plan B vorliegen, der solche Priester und Ordensleute auffängt, ihnen eine berufliche Alternative oder therapeutische Hilfe gibt, bevor ihr verstecktes Verhalten virulent wird und größeren Schaden anrichtet.
Das Evangelium lehrt, dass alles Verborgene ans Licht kommen wird. Und die jüngste Vergangenheit hat gezeigt, dass ein Wegsehen und Vertuschen hinterher einen weitaus größeren Schaden anrichtet. Erinnert sei an das Priesterseminar in St. Pölten oder die Lebensweise des Ordensgründers der Legionäre Christi, die dem Orden nach dessen Ableben eine enorme Bürde auferlegt hat. Es wird Zeit, das unaussprechliche Auszusprechen. dw