Hass zu überwinden ist der erste Schritt zu lieben
Die Berliner können auch anders als Sarrazin. Zum 1. Kreuzberger Tag der offenen Gebetshäuser
Sarrazins bittere Polemik gegen die „Kopftuchmädchenproduzenten“ hat einem unterdrückten Unbehagen in der deutschen Bevölkerung eine Stimme verliehen. Aufklärung tut Not – auf beiden Seiten.
Muslimisch-katholische Begegnung
Bild: dio
Kopftuchmädchen gibt es nicht nur im Problembezirk Neukölln, sondern auch im Edel-Multi-Kulti-Bezirk Kreuzberg, und es gibt dort auch noch viele andere Religionsgemeinschaften, die sich trotz der kulturellen Offenheit Kreuzbergs auch untereinander nicht ganz grün sind. Das Problem ist also keineswegs nur eines der deutschen Leitkultur.
Ganz vorsichtig bemüht sich die Initiative „Interreligiöser Dialog in Kreuzberg“ seit sechs Jahren um eine Annäherung von Juden, Christen und Muslimen. Zumeist trifft sich ein kleiner Kreis zu Gesprächen. Der „Tag der Offenen Gebetshäuser“ ist ein erster Versuch gewesen, sich einer breiten Öffentlichkeit zu präsentieren.
Gemeinsam ziehen rund hundert interessierte Berliner bei einem gemeinsamen Sonntagsspaziergang von einer Religionsgemeinschaft zur anderen. Am Ende wird einer der Organisatoren sichtlich bewegt sagen können: „Es ist das erste Mal seit vielen Jahren, dass ich mich getraut habe, mit der Kippa durch die Straßen Kreuzbergs zu laufen“.
Weihnachten bald alevitisch? Der alevitischen Gemeinde scheinen die religiösen Grenzen am wenigsten hinderlich zu sein. Als bekennende synkretistische Religion hat sie neben den islamischen Wurzeln auch Elemente aus dem Juden- und dem Christentum übernommen. „In Europa haben wir das Weihnachtsfest kennen und lieben gelernt“, erklärt der Vertreter der Gemeinde und ist fest überzeugt, dass es in ein paar Jahren fester Bestandteil der alevitischen Kultur sein wird. Immerhin rund 70.000 Aleviten leben allein in Berlin und doch sind sie uns Deutschen als Religionsgemeinschaft weitgehend unbekannt.
Weniger ungezwungen ist der Empfang ein paar hundert Meter weiter in die Synagoge Fraenkelufer. Massive Sicherheitstore und Überwachungskameras deuten an, dass die alevitische Unbekümmertheit hier nicht gelebt werden kann. Davon lässt sich der redegewandte Rabbiner Tovia Ben-Chorin nichts anmerken. Der Sohn des berühmten Schalom Ben-Chorin wurde erst in diesem Jahr aus Jerusalem in die deutsche Hauptstadt berufen. Er führte unterhaltsam in die jüdische Sicht der Dinge ein, kann sich dabei den einen oder anderen Seitenhieb gegen die anderen Religionen nicht verkneifen. Man wünsche sich, dass alle Menschen sich zu dem einen Gott bekennen, jeder in seiner Religion, denn – im Gegensatz zum Christentum und Islam – wolle man niemanden zum Judentum missionieren. Und man habe keine Bischöfe, die den Gläubigen vorschreiben, was sie zu tun und zu lassen haben. Die jüdische Religion sieht Ben-Chorin vor allem auf drei Säulen: die hebräische Sprache, die selbst dann als verbindendes Kulturelement dient, wenn man sie nicht wirklich sprechen kann. Der gemeinsame Kalender mit den jüdischen Festen und schließlich die Solidarität mit den Fremden. Dabei ist Nächstenliebe (Livitikus 19,18) von besonderer Bedeutung, wobei die Definition von Liebe sicherlich sehr weit ausgelegt sein kann. „Hass zu überwinden ist der erste Schritt zu lieben“, bringt es Ben-Chorin auf den Punkt.
Sind Christen nicht auch Juden? Die evangelische Emmaus-Gemeinde einige Straßenzüge weiter empfängt zum Kirchenkaffee. Am Tisch von Ben-Chorin entwickelt sich ein kleiner jüdisch-christlicher Dialog. Eigentlich habe die Kirche doch in den letzten Jahrzehnten gelernt, dass man die jüdische Kultur studieren muss, um die Wurzeln der eigenen Religion zu verstehen. Zustimmung am Tisch. Eine Frau lässt sich sogar zu der Aussage verleiten, dass die Christen doch letztlich auch Juden seien. Soviel Geschwisterliebe geht Ben-Chorin dann doch zu weit. „Das, was uns verbindet, ist, dass wir alle Menschen sind.“ Auch hier wird deutlich, dass Dialog nicht unbedingt zur Überwindung von Trennendem dient, sondern auch zur Abgrenzung und Schärfung des eigenen Profils.
Die Teilnehme ziehen weiter zum Görlitzer Bahnhof. Dort entsteht ein islamisches Gemeindezentrum. Von außen ein unscheinbarer Bürobau im Stil unserer Zeit, innen wie von tausend und einer Nacht – zumindest lässt sich erahnen, wie prachtvoll das Ergebnis eines Tages aussehen wird. Die Moschee im Inneren ist zwar noch eine einzige Baustelle, doch die große Kuppel mit ihren filigranen Verzierungen aus Gips, die Stuckateure von Hand modellieren, versetzt die Besucher in andächtiges Staunen. Stolz und selbstbewusst präsentiert der muslimische Verein sein Haus: „Die Baufirmen haben uns gesagt, ihr müsst 90 Prozent der Baukosten finanziert haben, bevor ihr mit dem Bau beginnen könnt, aber dann wäre wahrscheinlich bis heute noch nichts passiert. Deshalb haben wir es anders gemacht: wir haben einfach mal angefangen.“ Und so plant der muslimische Verein nur von Bauabschnitt zu Bauabschnitt, um dann jeweils wieder neue Spenden zu sammeln. Wann Einweihung sein wird, wagt deshalb noch keiner zu sagen.
Crashkurs in Islamkunde Unweit der Baustelle befindet sich eine der unzähligen Berliner Hinterhofmoscheen eines türkischen Kulturvereins. Ein niedriger Barackenbau aus Holz, der ein bisschen an Taizé erinnert. Ein junges türkisches Gemeindemitglied vermittelt den Anwesenden mit flotten Sprüchen einen Crashkurs in Islamkunde. Gebetszeiten, Gebetshaltung und wie einfach und unbürokratisch man Muslim werden kann. Für alle Vorurteile der westlichen Welt scheint es eine einfache Erklärung zu geben. Skepsis bleibt den Anwesenden trotzdem ins Gesicht geschrieben. Einer stellt die Frage nach der Scharia. Das habe nichts mit Hände-Abhacken zu tun, sondern heiße einfach „Weg zur Quelle“, eine Anleitung zum fruchtbaren Zusammenleben. Das ist sicherlich nicht gelogen, verdeckt aber doch, dass die etymologische Herkunft heute als Euphemismus für ein sehr handfestes islamisches Rechtssystem steht, das in einigen muslimischen Gegenden das Niveau des Mittelalters noch nicht verlassen hat. Beim Herausgehen bekommen die Pilger türkische Bonbons und eine Art Kölnisch Wasser in die Handflächen gespritzt: „Reinheit zieht Engel an“, heißt die islamische Pflicht zu geistiger und körperlicher Reinheit. Manchem Zeitgenossen möchte man das ins Stammbuch schreiben.
Der Zug hat sich auf der letzten Etappe gelichtet. In die katholische Kirche Liebfrauen finden am Ende des Spaziergangs fast nur noch Christen, was schade ist. Insgesamt fällt auf, dass trotz des unerwartet großen Interesses an der Veranstaltung unter den Teilnehmern nur wenige Muslime sind. Hier ist sicherlich noch ein längerer Integrationsprozess nötig, um eine Harmonie zwischen den Religionen herzustellen. Etwa so, wie sie der Raumklangteppich vorwegnimmt, den das Vokalensemble „Musikalischer Religionsdialog“ aus liturgischen Gesängen der drei abrahamischen Religionen in die neo-romanische Basilika zaubert. Zum Abschlusskonzert kommt auch Bundestags-Vize Thierse. Er plädiert für eine Kultur der Anerkennung und fordert dazu auf, in den Gegensätzen das Verbindende zu suchen. „Wir alle haben die gleiche Würde. Das verpflichtet uns, das muss uns verpflichten.“ / dw