Das Opfer ist im Deutschen nicht sonderlich positiv besetzt. Verkehrsopfer, Kriegsopfer, Opfer von Terroranschlägen, Menschenopfer. All das erinnert uns an furchtbare Bilder, an Grausamkeiten, an Verlust. Auch die Schokolade, die ich schweren Herzens meinen Kollegen „opfere“, ist für mich dann zumindest weg. Ein Opfer zu bringen, muss nach unserem Verständnis ein Verlust sein, muss weh tun, ansonsten wäre es ja kein richtiges Opfer.
Opfer auf dem Altar des Herrn (mittelalt. Buchillustration)
Bild: internet
In der katholischen Kirche ist der Begriff seit jeher beheimatet: es gibt Fastenopfer, Lobopfer und – zunehmend Stein des Anstoßes – das Messopfer. „Der Herr nehme das Opfer an aus Deinen Händen...“. Es gibt nicht wenige Priester, die diese Passage aus der Liturgie aussparen, weil sie und viele nachkonziliare Katholiken mit dem Begriff nichts mehr zu tun haben wollen – evangelische Christen ohnehin schon gleich gar nicht. Traditionalisten sehen dagegen gerade darin den Verrat der „Kuschelchristen“ an der Wahrheit. Es geht dabei um einen alten theologischen Streit, der seit der Reformation schwelt: Können wir Christen Jesus wiederholt als Opfer darbringen, um Gott gnädig zu stimmen? Und kann ein Lob noch echt sein, wenn man es sich Lobopfer abringen muss?
Problem der deutschen Sprache Eine Hilfe zum besseren Verständnis des Opferbegriffs jenseits aller theologischen Grabenkämpfe gibt die Sprachwissenschaft. Sie gibt sogar eine verblüffend einfache und versöhnliche Antwort. Wir Deutschsprachigen haben gegenüber den romanischen Sprachen wie Latein, Italienisch oder Französisch, aber auch gegenüber dem Englischen den Nachteil, nur einen einzigen Begriff zu besitzen, wofür die anderen Sprachen drei verschiedene Wörter unterscheiden.
Für das Verkehrsopfer, Kriegsopfer usw. verwenden sie den lateinischen Begriff victimus (engl. victim, ital. vittimo etc.): der Besiegte. Wer also im Straßenverkehr verunglückt, ist nicht dem Gott der Mobilität geopfert, sondern ein Besiegter im Kampf um die Vorfahrt.
Etwas vor Gott bringen Vom zweiten lateinischen Begriff offertum stammt auch unser deutsches Opfer ab. Wenn man das p durch ein f ersetzt, erhält man den englischen Begriff: offer (vgl. dt. die Offerte). Es geht also um ein Angebot, eine Darbringung, Hingabe. Aus dieser Perspektive ist auch das Lobopfer verständlich.
Der dritte Begriff ist das sacrificium, womit das Opfer am Altar gemeint ist. Es setzt sich etymologisch aus den Wörtern sacrum: heilig, und facere: tun, machen, zusammen. Das Opfer am Altar ist ein heiliges Tun.
Ein heiliges Tun Wenn es also in der Liturgie heißt: Suscipiat Dominus scrificium de manibus tuis, dann meint das zunächst einfach: der Herr nehme diese heilige Handlung aus deinen Händen an. Mit einer solchen Aussage wird sich jeder anfreunden können, denn dass die Feier der Eucharistie eine heilige Handlung ist, versteht jeder Christ. Allerdings sollte man im Hinterkopf behalten, dass schon die Römer mit dieser heiligen Handlung das Darbringen der Opfergabe auf den Altären ihrer Götter meinten.
Aus theologischer Sicht verbinden sich alle drei Begriffe im Messopfer. Jesus Christus ist am Kreuz gestorben, war also ein victimus, ein Besiegter – wenn auch nur kurze Zeit, dann war der Tod der Besiegte. Christus hat sein Leben dargebracht für die Schuld der Welt und er hat der Welt ein Angebot (offertum) gemacht, durch ihn wieder mit Gott versöhnt zu werden. Und schließlich vergegenwärtigen wir uns das einmalige Kreuzesopfer Christi immer wieder in der heiligen Handlung (sacrificium) der Eucharistiefeier: zum Segen für uns und seine ganze heilige Kirche. dw