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Dummheit ist die schlimmste Folge der Erbsünde
Kardinal Kasper über das ökumenische Engagement des Papstes, Flügelkämpfe und Kommunionempfang

Am 1. Dezember hielt der frühere Präsident des Päpstlichen Rates zur Förderung der Einheit der Christen, Walter Kardinal Kasper, einen Vortrag zu seinen Erfahrungen aus einem Leben mit der Ökumene, der im Ökumenischen Zentrum St. Adalbert Berlin stattfand. In der nachfolgenden Pause konnte das Auditorium Fragen an Walter Kasper notieren, die dem Kardinal anschließend von einem Moderator gestellt wurden:  
 


Kardinal Kasper in Berlin
Bild: dio
Frage: Woran wird man denn erkennen, dass die Einheit der Kirchen hergestellt ist?  
 
Kasper: Die Zeichen der Einheit von Christen ist die gemeinsame Feier der Eucharistie. Wenn also der Papst mit den evangelischen Bischöfen zusammen Eucharistie feiert, dann wäre das die Einheit. Dazu gehört nach katholischem Verständnis das Bekenntnis desselben Glaubens, die Feier derselben Sakramente und dann die Gemeinschaft mit dem apostolischen Petrusamt. Und wenn wir aus dieser Gemeinsamkeit heraus zusammen Eucharistie feiern könnten: das wär’s! Aber es kann jetzt schon vieles gemeinsam geschehen, auch wenn diese Einheit noch nicht besteht.  
 
Frage: Konfessionsverschiedene Ehepaare spüren die Trennung besonders schmerzhaft, da sie ja in ihrem Leib eine Einheit bilden und dann diese Einheit in der Eucharistie nicht so erleben können. Und wenn man die Eucharistie schon nicht gemeinsam feiern kann, wie ist es dann mit der eucharistischen Gastfreundschaft zwischen Lutheranern und Katholiken?  
 
Kasper: Die Evangelischen und die Katholischen gingen in ihrer Tradition lange Zeit von einem gemeinsamen Prinzip aus: Eucharistiegemeinschaft und Kirchengemeinschaft gehören zusammen. Daran haben die Evangelischen auch bis zur Mitte des letzten Jahrhunderts festgehalten, es jetzt aber geändert. Wir Katholiken halten daran fest. Man kann nicht zur innigsten Einheit zusammen kommen und dann in unterschiedliche Kirchen auseinander gehen.  
 
Die Problematik der konfessionsverbindenden Ehen  
Zum drängenden Problem der konfessionsverschiedenen (oder konfessionsverbindenden Ehen), würde ich meinen, gibt es zwei Antworten, die ich darauf geben kann. In den angelsächsischen und auch den nordischen Ländern habe ich erfahren, dass evangelische Christen zur Kommunion nach vorne kommen, aber die Hand auf das Herz legen als Zeichen: sie sind evangelisch und können die Kommunion nicht empfangen, aber sie bekommen den Segen. Sie nehmen in der Weise teil, in der sie teilnehmen können. Das ist ein sehr ehrliches und schönes Zeichen. Ich bedauere es eigentlich, dass sich das in Deutschland nicht durchsetzen konnte.  
 
Einzelfall-Lösungen erlaubt  
Die zweite Antwort ist: wir Katholiken können zwar nicht wie die Evangelischen allgemein einladen, aber es gibt Einzellösungen. Und ich antworte immer, wenn ich im konkreten Fall gefragt werde: wenn ihr bei der katholischen Eucharistiefeier dabei seid, dann dann antwortet die Gemeinde am Schluss des eucharistischen Hochgebets nach der Lobpreisung („durch ihn und mit ihm und in ihm“) mit „Amen“. Das heißt: wir stimmen dem zu, was gesagt wurde und was geschehen ist. Also, ihr müsst euch fragen: könnt ihr „Amen“ sagen? Denn die Eucharistie ist ein Sakrament des Glaubens. Die Voraussetzung ist, den Glauben zu teilen. Die Hand aufhalten genügt nicht. Glaubt ihr das, was da geschehen ist? Wenn ihr das könnt, dann könnt ihr euch auch ermächtigt fühlen, nach vorne zu kommen, um die Eucharistie zu empfangen. Auch Papst Johannes Paul II hat das betont und auch der gegenwärtige Vorsitzende der Ökumene-Kommission der Deutschen Bischofskonferenz, Bischof Müller von Regensburg, oder Kardinal Schönborn aus Wien sagten das Gleiche, was ich jetzt gesagt habe. Im Einzelfall, wo der Glaube geteilt wird, kann man eine Lösung finden.  
 
Frage: Müsste Papst Benedikt nicht viel ökumenischer werden? Müssten wir als Katholiken uns nicht noch mehr bewegen?  
 
Kasper: Wir haben mehr gemeinsam als uns trennt. Aber es sind Unterschiede da: das Petrusamt, das Bischofsamt, das Kirchenverständnis, die Verehrung der Heiligen, auch in der Frage der Eucharistie. Das sind nicht nur oberflächliche Sachen! Man muss die bestehenden Unterschiede auch respektieren und kann nicht sagen: das ist schon alles gelöst. Es sind leider Gottes noch Fragen offen, die man ernst nehmen muss.  
 
Ich kann doch nicht Joseph zu ihm sagen  
Der Papst selber ist durchaus ökumenisch gesinnt. Ich kenne Papst Benedikt ja nun schon seit 50 Jahren, seit wir uns 1962 in Münster das erste Mal begegnet sind, und nach seiner Wahl bin ich zu ihm hingegangen, ganz aufgeregt: wie sprichst du ihn denn jetzt an? Wir waren doch per du. Aber ich konnte doch jetzt nicht Joseph zu ihm sagen! Er hat mir dann geholfen, aber dabei auch gleich gesagt: „Jetzt müssen wir den Weg zur Einheit gemeinsam gehen.“ Das war das erste, was er unmittelbar nach seiner Wahl zu mir gesagt hatte. Ich nehme ihm das auch ab, dass er das tut, aber er sieht natürlich auch die Unterschiede.  
 
Begegnung in Erfurt wurde unterbewertet  
Der Besuch des Papstes in Erfurt ist etwas unterbewertet worden. Der Papst hat sich von den Evangelischen einladen lassen an den Ort, an dem Luther gelebt hat, er hat dort nicht nur mit ihnen diskutiert, er hat zusammen mit den Evangelischen einen Gottesdienst gefeiert, das muss man auch sehen. Und ein Wortgottesdienst ist für die Evangelischen ein vollwertiger Gottesdienst. Und er hat dafür extra die liturgischen Gewänder angezogen, hat den Gottesdienst als vollgültig anerkannt. Das ist unabhängig von dem, was gesagt worden ist, von der Symbolik her, ein ganz gewaltiges und wichtiges Zeichen gewesen. Und er hat schon im Vorfeld selber dafür gesorgt, dass die Begegnung mit den Evangelischen länger dauert als vorgesehen war. Der Präses der rheinischen Kirche, Schneider, hatte ihm geschrieben, die Begegnung sei zu kurz geplant, und da hat er selbst an allen Instanzen im Vatikan vorbei geantwortet: ja, er setze sich dafür ein, dass man mehr Zeit füreiander habe. Das ist schon ein Zeichen dafür, dass es ihm ernst ist mit der Ökumene.  
 
Im Ökumenischen Dialog erfährt man auch, was man voneinander lernen kann. Wir haben nach dem zweiten Vatikanischen Konzil von den Evangelischen gelernt, das Wort Gottes und die Predigt ernster zu nehmen und die Evangelischen lernen von uns heute oft, besser Liturgie zu feiern. Aber man hört ja auch die Kritik der anderen an der eigenen Konfession. Manche Kritik ist ja auch berechtigt und wenn sie in Liebe gesagt wird, kann man daraus auch lernen. Aber man lernt in diesen Diskussionen auch, den eigenen Glauben zu vertiefen.  
 
Frage: Sind die inneren Flügelkämpfe der Kirche(n) nicht die größere Gefahr für die Einheit der Christen?  
 
Kasper: Das ist die etwas traurige gegenwärtige Situation, dass es in allen Kirchen Gruppen und Kreise gibt, die der Ökumene feindselig gegenüber stehen und die Ökumene als Gefahr für die eigene Kirche sehen. Diese Spannungen gibt es, und da muss man anständig miteinander umgehen und erklären, was man meint. Ich bin durch das ökumenische Engagement nicht weniger katholisch geworden, ganz im Gegenteil , ich bin katholischer geworden. Und evangelische Christen können das umgekehrt für sich auch sagen. Aber leider gibt es diese Flügelkämpfe momentan in allen Kirchen, besonders bei den Orthodoxen. Das muss man brüderlich und mit Argumenten zu überwinden suchen. Aber gegen manche Verbohrtheit kann man auch nichts machen. Ich habe schon immer gesagt: „Die Dummheit ist die schlimmste Folge der Erbsünde“.  
 
Frage: 1996 war das Europäische Jugendtreffen von Taizé in Stuttgart, wo Sie damals Bischof waren. Was verbinden Sie mit dem Treffen und was können Sie den Berlinerinnen und Berlinern mit auf den Weg geben, wo das Treffen in wenigen Wochen stattfinden wird?  
 
Kasper: Ich kann den Berlinern vor allem sagen, dass sie sich glücklich schätzen sollen, dass sich die Gemeinschaft von Taizé Berlin ausgesucht hat. Ich war damals Bischof von Stuttgart und das war ein ganz großes Ereignis. Und viele Stuttgarter haben Mund und Augen aufgesperrt, dass es so viele Jugendliche gibt, die noch dazu ganz normal sind und normal aussehen und trotzdem beten. Das hat auf viele einen Eindruck gemacht und sie nachdenklich gestimmt, denn viele meinen, wir sind eine aussterbende Spezies, da gibt es nur noch wenige, zumeist komische oder alte Leute, und dann kommen plötzlich viele Jugendliche aus der ganzen Welt, sind fröhlich und beten. Und so sollten die Berliner sich darauf freuen, sich auch mit Gebet darauf vorbereiten und man sollte diese Jugendlichen möglichst gastfreundlich aufnehmen.  
 
Frage: Wir haben uns im ökumenischen Zentrum St. Adalbert getroffen. Warum unterstützen sie dieses Projekt?  
 
Wir leben in einer weithin säkularen Welt und in Berlin spürt man das jeden Tag in besonders deutlich. Deshalb brauchen wir in besonderer Weise spirituelle Zentren. Zentren, wo deutlich wird, dass wir Christen präsent sind, wo wir Flagge zeigen, ein Gesicht zeigen. Besonders wenn es auch ein Studentenzentrum ist, wo junge Menschen gemeinsam glauben und gemeinsam Glauben erfahren und das in die Stadt ausstrahlen. / wtz
Autor: diomira
Veröffentlicht am: 02.12.2011
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