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Nicht jeder 12. Priester ist ein Judas
Predigt zum 27. Sonntag im Jahreskreis (A)

Betrachtung zur 1. Lesung: Jes 5,1-7; 2. Lesung: Phil 4, 6-9; Evangelium: Mt 21, 33-44. *2.10.2011  
 


Pater Dr. Bernhard Anton Sirch OSB
Bild: Autor
Sowohl die 1. Lesung wie auch das Evangelium bieten ein katastrophales Bild. Zunächst die 1. Lesung: auf der einen Seite das überaus große Bemühen Gottes, bzw. des Gärtners, der alles tut, um süße Trauben zu ernten. Auf der anderen Seite das tatsächliche Ergebnis: Der Weinberg brachte statt "süße Trauben... nur saure Beeren" (Jes 5,4). Es folgt ein hartes, erschreckendes Urteil über den Weinberg: "Jetzt aber will ich euch kundtun, was ich mit meinem Weinberg mache: Ich entferne seine schützende Hecke; so wird er zur Weide. Seine Mauer reiße ich ein; dann wird er zertrampelt. Zu Ödland will ich ihn machen. Man soll seine Reben nicht schneiden und soll ihn nicht hacken; Dornen und Diesteln werden dort wuchern. Ich verbiete den Wolken, ihm Regen zu spenden" (Jes 5, 5.6).  
 
Dem Zuhörer, der nur zustimmen kann über das Handeln des Gärtners, öffnet Gott die Augen und erklärt, um wen es sich handelt: "Ja, der Weinberg des Herrn der Heere ist das Haus Israel, und die Männer von Juda sind die Reben, die er zu seiner Freude gepflanzt hat" (Jes 5, 7). Gott schildert mit der Geschichte vom Weinberg ganz klar die Situation des Hauses Israel.  
 
Dass mit dem Gärtner Gott gemeint ist, ist dem Zuhörer klar vom Beginn der hl. Schrift, wo wir lesen von Gott als dem Gärtner: "Dann legte Gott, der Herr, in Eden, im Osten, einen Garten an und setzte dorthin den Menschen" (Gn 2, 8). Dass Israel der Weinstock Gottes ist wird vor allem in Psalm 80 deutlich: "Gott der Heerscharen, wende dich uns wieder zu! Blick vom Himmel herab und sieh auf uns! Sorge für diesen Weinstock und für den Garten, den deine Rechte gepflanzt hat" (Ps 80, 15).  
 
Das Problem Gottes ist oft auch unser Abwägen: Wie sage ich etwas Unangenehmes einem Mitmenschen, aber so, daß er es aufnehmen kann und nicht von vorneherein die Ohren verstopft.  
 
Das Unheil für den Weinberg des Herrn, der von Gott umhegt und gepflegt wurde, ist das Öffnen des Weinberges: der Weinberg wird für jedermann der Verwüstung preisgegeben. Wenn man dann bedenkt, dass der Weinberg das Haus Israel ist, dann schaut man auf das tiefe Leid, das über Gottes auserwähltes Volk gekommen ist. Das abgrundtiefe Leid, das den Juden im 3. Reich zugefügt wurde, hat mit der Reichskristallnacht begonnen. Denken wir auch an andere Völker, gerade in der jüngsten Zeit. Der Psalmist betet: "Der Herr hat mich hart gezüchtigt, doch er hat mich nicht dem Tod übergeben" (Ps 118,18). Und so fragt der Psalmist: "Sollte der nicht strafen, der die Völker erzieht? (Ps 94, 10). Die Bitte kommt aus dem Herzen des Psalmisten: "Herr, züchtige mich nicht in deinem Grimm" (Ps 6, 2). David betet: "Herr, strafe mich nicht in deinem Zorn, und züchtige mich nicht in deinem Grimm! Denn deine Pfeile haben mich getroffen, deine Hand lastet schwer auf mir. Nichts blieb gesund an meinem Leib, weil du mir grollst, weil ich gesündigt, blieb an meinen Gliedern nichts heil" (Ps 38, 2-4ff).  
 
Ist dies nicht auch ein Bild für unsere Zeit, für das Leben vieler Menschen. Fast jeder Mensch muß in seinem Leben durchmachen: die schützende Hecke ist weg, die Mauer eingerissen, das Innerste wird zertrampelt. Dornen und Disteln wuchern, keiner will mit uns etwas zu tun haben. Selbst das Lebensnotwendigste, in der Lesung ist es der Regen, fehlt. Viele Menschen befinden sich heute in dieser Lage und wissen weder ein noch aus. So ist in Deutschland die Selbstmordquote in unserem "Wohlstandsland" mit über 9500 pro Jahr, also alle 40 Minuten das ganze Jahr hindurch ein Selbstmord, überaus hoch (vgl. Verkehrsunfälle 2010: 3600 in der BDR). Eine Stadt mit 10.000 Einwohnern wird in Deutschland jedes Jahr ausgelöscht! Wenn wegen einem Krankheitserreger 50 Menschen sterben, dann gibt es großes Medienecho. Wer kümmert sich um das Leid der Selbstmordkandidaten und deren Angehörigen. Was Jesaias am Ende der heutigen Lesung bildlich über den verwüsteten Weinberg, über sein auserwähltes Volk sagt (Jes 5, 5.6), trifft für das Leben vieler Menschen zu. Das Leid der Selbstmordkandidaten und der Angehörigen schreit zum Himmel.  
 
Manche sind sogar der Meinung, was wir in der ersten Lesung über das auserwählte Volk gehört haben, gilt auch für die Kirche. Noch nie ist die Öffentlichkeit so über die Kirche hergefallen wie in letzter Zeit wegen der "Missbrauchsfälle", ja die Medien haben es zelebriert, der Kirche Missbrauchsfälle vorzuwerfen.  
 
Dem steht gegenüber, dass in Deutschland zwischen 1995 und 2008 die Zahl der polizeilich erfassten Tatverdächtigen des sexuellen Kindesmissbrauchs insgesamt 128.946 betrug. Von ihnen waren 0,1 Prozent katholische Priester. Wenn man alle Missbrauchsfälle in der kath. Kirche zusammennimmt, so kommt man zu dem Ergebnis: "Missbrauch in der katholischen Kirche: Drei Promille aller Täter" (Süddeutsche Zeitung), also 0,3 %.  
 
In Österreich ist die Lage ähnlich: Beim sexuellen Missbrauch sind nur 0,3 Prozent der Täter in der Kirche zu finden. Das hat der Gerichtspsychiater Reinhard Haller in einem Interview für ORF Vorarlberg betont. Die meisten Missbrauchsfälle würden in Familien oder in geschlossenen Systemen, wie zum Beispiel in Vereinen, passieren. "Dies wird in der derzeitigen Situation nur wenig beachtet", sagte Haller. Die Missbrauchsfälle sind ohne jeden Zweifel zu verurteilen. Sonderbarerweise wird nur die Kirche aufgefordert, die prozentual geringen Fälle von Missbrauchsfällen in kirchlichen Institutionen hervorzuzerren und das mit allen nur möglichen Mitteln! Keine Institution, weder eine Bank oder ein Ministerium oder irgendeine weltliche Institution, würde die Personalakte seiner Mitarbeiter so der Öffentlichkeit preisgeben! Wir übersehen, dass bei der Hysterie nach Missbrauchstätern unter Priester auch viele Priester zu Unrecht vor jeder gerichtlichen Verhandlung von der Öffentlichkeit vorverurteilt wurden. So gibt es auch "Missbrauchsfälle", bei denen Priester unter die Räder der Öffentlichkeit kamen und deren Priestertum und persönliches Leben zerstört wurde! Wer redet von den Missbrauchsfällen unter den von der Öffentlichkeit verleumdeten "Missbrauchstätern"? Ich könnte Ihnen genügend nennen.  
 
Das Thema Missbrauchsfälle müßte dennoch neu aufgerollt werden, um der Jugend tatsächlich einen Dienst zu tun. Viel wichtiger wäre es, auf die 15.000 Fälle "sexuellen Missbrauchs" pro Jahr von heute in der BRD das Augenmerk zu richten. Man kann unschwer erkennen: es geht nicht darum, die Jugendlichen zu schützen, was das eigentliche Ziel sein sollte. Was mir als ehemaliger Dekanatsjugendseelsorger aufgestoßen ist: was sich heute in vielen Schulen abspielt oder generell unter Jugendlichen praktiziert wird, da fehlen alle Vergleichspunkte zu dem, was sich "früher" an "Missbrauchsfällen" ereignete und heute an den Pranger gestellt wird. Wir beschäftigen uns mit viel - man möchte fast sagen - Hysterie mit der Vergangenheit und übersehen, was jetzt, heute sich ereignet und die Jugendlichen in der Seele sehr schwer verletzt, vor allem durch Kinder- und Jugend-Sex, weil es einfach "in" ist und für eine spätere Beziehung oder gar Ehe unfähig macht! Um dieses eigentliche Problem zu übertünchen, wird ein Sündenbock gesucht und zum allgemeinen Steinewerfen freigegeben mit dem guten Gefühl: da kann man sich gleich so viel besser fühlen!  
 
Den 0,1 % an Missbrauchstätern stehen Tausende Priester und Ordensleute gegenüber, die ihr ganzes Leben für Christus, bzw. für die Mitmenschen eingesetzt haben. Um es in Zahlen auszudrücken: einem Missbrauchstäter in der Kirche stehen weit über 1000 vorbildliche Christen, Priestern und Ordenleuten gegenüber! Was durch Priester, Ordensleute und Christen an Gutem zum Beispiel in der Dritten Welt getan wurde, davon redet niemand! Es wäre ein Aufschrei, wenn man die MWST um nur 1 % erhöhen würde, um der Dritten Welt zu helfen. Priester, Ordensleute und Christen haben ihr ganzes Leben für die Dritte Welt hingegeben und Schulen, Lehrwerkstätten und Krankenhäuser errichtet!  
 
Dass es in der Kirche, die aus den Menschen unserer Zeit genommen sind, auch "schwarze Schafe" gibt, ist seit der Gründung der Kirche bekannt. Unter den 12 Aposteln, die Jesus berufen hat, war auch ein Apostel Judas. Heute ist bei weitem nicht jeder 12. Priester ein "Judas". Die Kirche ist auf Menschen gebaut. Bei aller Verurteilung der Missbrauchstäter muß man auch sehen, dass diese Missbrauchstäter nicht nur Böses getan haben, sondern auch sehr viel Gutes. Nur eine Sünde, die Sünde gegen den Heiligen Geist wird nicht verziehen. Ich war 20 Jahre auch in einem Gefängnis tätig und habe in der Beichte die Sünden nachgelassen. Auch für den Staat ist nicht die Verurteilung eines Gefangenen im Vordergrund, sondern die Rückführung ins öffentliche Leben.  
 
Dass trotz der Schwachstellen in der Kirche, die nicht wegzudiskutieren sind, die Kirche nach 2000 Jahren noch existiert, zeigt die göttliche Gründung der Kirche mit dem Hl. Petrus, dem Felsen.  
 
 
Kehren wir wieder zurück zur Lesung. Die Zerstörung des Weinbergs ist das Werk des Teufels. Der Teufel kann das unbeschreibliche Glück, für das der Mensch, das auserwählte Volk, bei Gott bestimmt ist, nicht ertragen; der Teufel, der ursprünglich ein Engel war, wurde ein Widersacher Gottes. Man muß dabei sehen: nicht nur der Engel, sondern auch der Teufel wird nur in seiner Beziehung zu Gott gesehen, wie die Endung "el" zeigt, die Gott bedeutet.  
 
Wenn sie zu sehr in den Fängen des Widersachers sind, beten sie doch mit Jesus, wie Jesus uns im Vaterunser zu beten gelehrt hat: "Erlöse uns von dem Bösen". Ein älterer Pfarrer hat mir vor kurzem gesagt: Die Hölle ist jetzt leer, aber warum: weil die Teufel alle unterwegs sind! Nicht irgendwelche Strukturwandel oder Angleichungen sind gefordert, sondern die absolute Hinkehr zu Gott und die Abwendung vom Bösen. Der Erzengel Michael möge mit uns gegen das Böse kämpfen.  
 
Persönlich kann ich ihnen raten: wenn sie vom Bösen, vom Teufel bedrängt werden: beten sie doch anstelle des sie bedrängenden Teufels ein "Ehre sei dem Vater...", einen Lobpsalm, oder das Vaterunser; der Teufel sollte ja als ein mächtiger Engel am Throne Gottes stehen und an der Verherrlichung Gottes mitwirken. Tun sie es, an seiner Stelle.  
 
Bitten wir Gott, möge Er den Menschen seine erbarmende Nähe und seine Kraft schenken. Gott, unser Vater hat durch das Blut seines Sohnes die Welt erlöst hat. Wir sündige Menschen können nur auf seine barmherzige Liebe vertrauen, wie uns Sr. Faustina nahe legen will. In der ersten Lesung des letzten Sonntags haben wir gehört: "Wenn sich der Schuldige von dem Unrecht abwendet, das er begangen hat, und nach Recht und Gerechtigkeit handelt, wird er sein Leben bewahren. Wenn er alle Vergehen, deren er sich schuldig gemacht hat, einsieht und umkehrt, wird er bestimmt am Leben bleiben. Er wird nicht sterben" (Ez 18, 27.28). Vor den lebendigen und heiligen Gott können wir nur hinknien und an unsere Brust klopfen und gemeinsam als Sünder vor Gott hintreten.  
 
 
Dr. P. Bernhard Anton Sirch  
 
Katholisches Pfarramt, Propstei - Schlößl, Hauptstraße 4, D - 92278 Illschwang.  
Tel. 09666/951272. Email: pater.bernhard@direkt.at -  
 
Diese und frühere Predigten finden Sie auch auf der Homepage von Pater Sirch: Link  
Autor: P. Sirch
Veröffentlicht am: 02.10.2011
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